New Work und das neue Betriebssystem im Unternehmen

New Work und das neue Betriebssystem im Unternehmen

Ist New Work die Grundlage des neuen Betriebssystems in Unternehmen? Woher kommt der Begriff eigentlich und welches Konzept verbirgt sich dahinter? Wir beleuchten das Konzept anhand einiger zentraler Elemente.

Der Begründer der New Work Bewegung ist Frithjof Bergmann, österreichischer Philosoph und emeritierter Professor der University of Michigan. Bergmann hat aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs heraus und einer wachsenden kritischen Haltung gegenüber dem Kapitalismus ein neues Konzept für die Arbeit gesucht. In den 80er Jahren wurde er von General Motors beauftragt, ein Konzept zu entwickeln, um die von Massenentlassungen bedrohten Arbeiter aus den Automobilwerken von Flint, Michigan aufzufangen. Er schlug daraufhin ein neues Konzept für die Arbeit vor: eine Dreiteilung zwischen Erwerbsarbeit, „High-Tech-Self-Providing“ (Selbstversorgung auf höchstem technischem Niveau, z.B. unter Nutzung von 3-D-Druckern) sowie “Arbeit, die man wirklich, wirklich will”. Es ging ihm dabei also um ein neues Gesellschaftsmodell, in dem die Erwerbsarbeit nur noch ein Drittel der verfügbaren Arbeitszeit ausmachen sollte.

Wir bezweifeln, dass Unternehmen, die heute mit dem New Work Konzept werben, den von Bergmann entwickelten Ansatz im Sinn haben. Auch wenn der Begriff gekapert und in seinem ursprünglichen Ansatz drastisch verändert wurde, macht es Sinn, Antworten auf die Kernfragen, die Bergmann formulierte, zu suchen: wie gestalten wir Arbeit neu? Und wie übertragen wir das Konzept der Freiheit –  nicht verstanden als Entscheidungsfreiheit sondern als Handlungsfreiheit – auf unsere Zusammenarbeit?

Der Begriff New Work so wie er derzeit in den Unternehmen und auf den Podien verwendet wird, wird also abweichend vom ursprünglichen Konzept verwendet. Die Unternehmen verfolgen mit der Verwendung des Begriffs das Ziel, sich interessant für Bewerber und Mitarbeiter zu machen (Recruiting und Retention).

Elemente in der New Work Bewegung, deren Bemühungen sich derzeit in den meisten Fällen lediglich auf Veränderungen der Sekundärorganisation, also auf die Form der Zusammenarbeit in Unternehmen beziehen, umfassen:

  • Dezentralisierung von Aufgaben und Arbeitsprozessen – nicht alles wird innerhalb des Unternehmens ersonnen und umgesetzt
  • Vernetzung von Maschinen und Menschen – die Kreativwirtschaft und die Wissensgesellschaft ist auf schnellen Austausch und dauernde und vielfältige Impulse aus allen Bereichen angewiesen. Dazu ist der flächendeckende Einsatz von digitalen Kommunikations- und Kollaborationstools wichtig, die eine hierarchiefreie und asynchrone Kommunikation ermöglichen
  • Co-Creation, Coopetition und Prosumer – Die Zusammenarbeit wird entgrenzt und schließt Mitarbeiter, Kunden sowie Wettbewerber ein
  • Fluides Unternehmen – Die Vollbeschäftigung mit dem entstandenen Bewerbermarkt und die digital unterstützte Gig-Economy machen es möglich: sinkende Bewerberzahlen und die fehlende, digitale Qualifizierung der Mitarbeiter ermöglichen es den Digitaltalenten ihre eigenen Bedingungen auszuhandeln. Sie optieren immer häufiger für die Selbständigkeit und arbeiten als Freelancer gerne an Projekten für Unternehmen mit – ohne in die alltäglichen organisatorisch-politischen Abläufe der Organisation eingebunden sein zu müssen. Unternehmen müssen sich diesbezüglich in ihrem On- und Offboarding stark darauf einstellen, wollen sie als Projektpartner attraktiv sein, um die nötige Zahl an Freelancern anzuwerben.
  • Selbstbestimmtheit und Führung: Mitarbeiter wollen in zunehmendem Maße selbstbestimmt, am Sinn und den Zielen des Unternehmens orientiert ihre Arbeit gestalten. Bei bei den neu in den Arbeitsmarkt kommenden Mitarbeitern gelingt diese Gestaltungsfreiheit meist einigermaßen, bei den schon länger in Unternehmensstrukturen arbeitenden Mitarbeitern geht es meist erst einmal schief. Sie wollen die Selbstbestimmung, jedoch nicht die Verantwortung, vor allem wenn die Führungsstrukturen noch nicht darauf eingestellt sind. Beide, junge und alte Mitarbeiter brauchen  dabei eine Führungskraft, die über einen langen Zeitraum nach oben gereichte Bitten um Entscheidung geduldig wieder zurückdelegiert und die dann getroffenen Entscheidungen unterstützt.
  • Neugestaltung der Arbeitsräume – in Kontexten, in denen (Projekt)Teams in immer neuen Konstellationen zusammenarbeiten und in denen es wichtig ist, produktive Deep Work Phasen einzubauen, wird die Umgestaltung der Arbeitsräume notwendig. Dabei werden häufig vier verschiedene Arbeitsbereiche benötigt: Meet (z.B. Konferenzraum), Think (ruhige Arbeitsräume), Create/Produce (Kreativräume, Werkstätte), Share (zentrale Treffpunkte zum Austausch).

Eine New Work Organisation setzt also den Fokus auf die Entfaltung des Potentials der Mitarbeiter. Dabei geht es um eine gute Symbiose von Leben und Arbeiten. Die obige Aufzählung der Elemente des neuen New Work Begriffes ist dabei nicht abschließend. Dennoch lässt sich hieraus erkennen, dass die Unternehmen zur richtigen Ausgestaltung dieses neuen Betriebssystems Maßnahmen ergreifen müssen, um das Führungsverhalten ihrer dauerhaften und temporären Führungskräfte entsprechend anzupassen.

Autorin: Birte Gall