Lernen im digitalen Wandel – 5 Tage, 7 Formate

Lernen im digitalen Wandel – 5 Tage, 7 Formate

Reserve-Lernen: in der Schule, in der Lehre oder im Studium haben wir unsere „Wissens-Speicher“ maximal aufgefüllt, später im Berufsleben dann abgerufen. Heute müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, je wieder „ausgelernt“ zu haben. Stattdessen sind wir darauf angewiesen, dass Lernen in einem ganz anderem Ausmaß als früher zum integralen Bestandteil des Berufsalltags wird, wir in den Austausch mit anderen treten, neue Themen gemeinsam bearbeiten und selbstbestimmt über Inhalt, Ort und Zeit entscheiden. Wie genau kann das gelingen? Es folgen einige Formate, die uns genau dabei unterstützen können – für jeden Tag der Woche eine Lerneinheit.

Tag 1 – Montag
Claudia kommt ins Büro. Letzte Woche war sie unterwegs, hat Startups der Berliner Digitalwirtschaft kennengelernt und in direkten Gesprächen viel zum Thema Innovation, neue Organisationsformen und Führungskultur gelernt. Inspiration zum Anfassen, neue Blickwinkel, Einblicke aus der Praxis – die Learning Journey war ein voller Erfolg.

Zurück im Office startet sie ihren Tag mit einer Lerneinheit per elearning. „Ah. Das macht Sinn!“ Die Erkenntnisse aus der Praxis verbinden sich mit den theoretischen Inhalten, eine neue Idee entsteht. Das sollten die anderen auch wissen, findet sie und postet schnell ihre Erkenntnis im internen Kollaborationstool. Ein Kaffee, eine halbe Stunde und weiter geht`s!

19.00 Ein letzter Blick auf das Handy. 5 neue Nachrichten im Ideen-Kanal, ergo 5 Rückmeldungen anderer Kollegen zu ihrer Idee, die am Morgen geboren wurde. Perfekt! Die Anregungen kann sie direkt morgen integrieren und damit weiterarbeiten.

Tag 2 – Dienstag
Mit dem Laptop unter dem Arm und einer kleiner Merci-Packung in der Hand, kommt sie in den Raum. Pierre ist bereits da, er hat vor ein paar Monaten eine Ausbildung im Unternehmen angefangen. Heute erzählt nicht Claudia Pierre wie die Welt funktioniert, sondern umgekehrt.

Wenn die Führungskraft vom Neueinsteiger lernt – im reversed mentoring erfährt sie, was Pierre und andere Jugendliche in seinem Alter bewegt, welche Tools, Apps und Services sie nutzen und zeigt, wie diese funktionieren. Das erleichtert Claudia den Zugang zu digitalen Themen, schafft ein besseres Verständnis für die jüngere Generation und sensibilisiert sie für Zukunftsthemen. Pierre erleichtert es den Einstieg ins Unternehmen – lernt er seine Ausbildungsstätte so doch viel besser kennen und kann von Claudias Netzwerk profitieren.

Nein, die Merci-Packung wäre wirklich nicht nötig, schließlich lernen beide. Aber kleine Geschenke erhalten die Freundschaft und so freut sich Pierre umso mehr Claudia das nächste Mal zu sehen 😉

Tag 3 – Mittwoch
Laptop aufgeklappt und eingewählt. Marie und Hans sitzen mit im Raum, Juan und Che haben sich eingewählt. Für diese eine Stunde rücken der europäische und asiatische Kontinent noch ein Stückchen näher zusammen. Gemeinsam erarbeiten sich die fünf ein selbst gewähltes Thema. Das Besondere: Kein formaler Bewerbungsprozesse oder bestimmte Zugangskriterien haben entscheiden, wer in diesem Kreis mitwirken darf. Lediglich die eigene Motivation, Neugierde und das Interesse fürs Thema sind entscheidend. Denn jeder bringt sein eigenes Thema mit und in der Gruppe unterstützen sich die Mitglieder gegenseitig darin ihr jeweiliges Ziel zu erreichen.

Gefunden haben sie sich über eine Gruppe im internen Kollaborationstool, Juan hatte einen Aufruf gepostet, weil er in seinem aktuellen Job den Bedarf sah, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und gleichzeitig wusste, dass ihm alleine das Durchhaltevermögen fehlen würde. Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten. Nun treffen sie sich einmal in der Woche über einen Zeitraum von 12 Wochen virtuell, da nicht alle am selben Ort sitzen.

Peer-Group-Support oder wie John Stepper es bezeichnet Working-out-loud (WOL) ist eine Methode, bei der es um die fachübergreifende Zusammenarbeit, Vernetzung und gegenseitige Unterstützung geht. Das Netzwerk wird hier nicht einfach „angezapft“, sondern über ein Geben und Nehmen Beziehungen über einen längeren Zeitraum entwickelt und gepflegt. Eigenes Wissen wird weitergegeben, neues entsteht.

Tag 4 – Donnerstag
18:00  – Für die meisten geht der Tag jetzt zu Ende. Wer mag, der bleibt. Denn heute ist Fail Night – das etwas andere Präsentationsformat. Überzogene Projektpräsentationen, die große Erfolge feiern, sind hier fehl am Platz. Vielmehr geht es um den Austausch darüber, was nicht funktioniert hat und warum. Um echte „fails“ eben. Offen und ehrlich, in lockerer Runde.

In unserer Gesellschaft ist es nicht immer ganz leicht, darüber zu sprechen, was nicht geklappt hat. Anfangs ist es Claudia ziemlich schwer gefallen, sich dort hinzustellen und allen preiszugeben, was nicht gut gelaufen ist. Mittlerweile gehört es für sie ganz selbstverständlich dazu: warum sollten Kollegen die gleichen Fehler machen wie sie? Und warum sollte sie die Fehler der Kollegen wiederholen? Die Fail Night oder auch Fuckup Night genannt – hilft nicht nur dabei das Wiederholen bestimmter Fehler zu vermeiden, sie unterstützt auch die Entwicklung einer offenen Unternehmenskultur. Eine Kultur des Lernens, Experimentierens und sich Trauens.

Tag 5 – Freitag
Coaching
Session! Auf den Termin freut sie sich besonders. Hier geht es weniger um die Bewältigung der aktuellen Herausforderungen, sondern mehr um den Blick in die Zukunft. Wie wird sich mein Berufsfeld zukünftig ändern? Welche Kompetenzen benötige ich hierfür? Kann ich meine Stärken dort noch immer optimal einbringen oder muss ich mich neu justieren? Fragen, die nicht mit einer einzelnen Session zu beantworten sind. Der Coach unterstützt sie dabei strukturiert durch den Prozess zu gehen und ein ganz eigenes Bild der Zukunft zu entwickeln.

… und darüber hinaus
Bevor sich die Woche dem Ende zuneigt, ein letzter Blick in den Terminkalender. Nächste Woche steht noch eine „normale“ Bürowoche an. Dann geht es für zwei Wochen nach Hamburg.

Dort wird Claudia im CoWorking Space arbeiten, das gewohnte Umfeld verlassen und in eine völlig andere Arbeitsumgebung eintauchen. Neue Leute, spannende Startups. Wer weiß, welche Ideen sie von dort mitbringt?
Aber eins ist bereits klar: zu ihrer Idee, die sie im Kollaborationstool gepostet hat, will sie sich unbedingt Feedback von außen einholen.

Autorin: Anna-Leena Haarkamp