Die Generation Y tickt nicht anders als andere Generationen

Die Generation Y tickt nicht anders als andere Generationen

Ich dachte es wäre ein Leichtes. Eine kurze Recherche, ein paar Studien, die die Pop-Literatur belegen. Am Ende eine klare Übersicht welche Generation wie angesprochen, geführt und motiviert werden muss. Stattdessen: ein Haufen Studien mit teils gegensätzlichen Ergebnissen. Nicht nur für Deutschland, auch England oder die USA. Metastudien können keine oder nur sehr geringe Unterschiede zwischen den Generationen erkennen.
Der ganze Hype um die Unterschiede zwischen den Generationen: was für ein Kokolores! Aber der Reihe nach.

Die der Gen y zugeschriebenen Eigenschaften sind oft widersprüchlich

Ob Pop-Literatur, Auftragsstudien aus der Wirtschaft, Fachzeitschriften oder wissenschaftliche Veröffentlichungen – unermüdlich und voller Enthusiasmus wird über sie geschrieben, die Generation y.

Im Vergleich zu anderen Generationen:

  • besitze sie eine völlig übertriebene Ich-Bezogenheit
  • habe sie extrem hohe Erwartungen an den Job: sinnstiftende Tätigkeit + die Selbstverwirklichung stünden im Vordergrund
  • habe sie einen großen Freiheitsdrang, gleichzeitig wird von einem erschütterten Sicherheitsgefühl berichtet
  • suche sie das heimische Idyll
  • sei sie verwöhnt, faul und gleichzeitig karriereorientiert
  • habe sie eine erhöhte wirtschaftliche Sorge und zugleich sei Geld weniger wichtig
  • fordere sie Flexibilität, jedoch sei ihre „.. Loyalität geringer, als [die] zur Turnschuhmarke“
  • .. und so weiter

Mein absolutes Highlight, ich habe herzhaft gelacht: „Ypsiloner [wünschen sich] subtile Farben und natürliches Licht. Farbnuancen in entspannten Aquamarinblau- und Grüntönen sind beliebter als grelle, bunte Farben.“ Parment, Anders. 2013

Wir sehen: die Zuschreibungen, was diese Generation auszeichnet sind absolut vielfältig. Oft gegensätzlich. Ich möchte Sinn von Unsinn unterscheiden und will wissen: was ist nun dran an diesen Zuschreibungen und Vorwürfen? Was hat Substanz und was sollte ich ganz schnell wieder vergessen.

Viele Studien zur Generation y sind nicht belastbar

Wenn im Rahmen einer Studien eine Befragung durchgeführt wird – sagen wir eine Gruppe 25-Jähriger wird 2019 dazu befragt wie wichtig ihnen ihre Selbstverwirklichung ist – sind dies in der Regel punktuelle, einmalige Befragungen mit dieser einen Gruppe. Die Ergebnisse dieser Gruppe werden dann mit denen der anderen Gruppen anderen Alters verglichen und daraus werden die Generationenunterschiede abgeleitet. Dieselbe Gruppe wird aber nicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmal befragt, auch gibt es in der Regel keinen Vergleich mit den Aussagen einer anderen Gruppe 25-Jähriger zu einem anderen Zeitpunkt.

D.h. was wir also nicht erfahren ist, ob die Antwort gegeben wurde, weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt (2019) gestellt wurde (Periodeneffekt), weil die Befragten ein bestimmtes Alter hatten zum Befragungszeitpunkt (25 Jahre) (Alterseffekt) oder weil sie 1994 geboren wurden und damit einer bestimmten Kohorte angehören (Kohorteneffekt).

Quelle: Eigene Darstellung. Jeder Generationeneffekt ergibt sich aus einer Kombination von Perioden- und Alterseffekt.

 

Die Kohorte und damit die Generation hängt also linear mit dem Jahr der Messung/ Periode und dem Alter zum Messzeitpunkt zusammen. Jeder Generationeneffekt ergibt sich somit aus einer Kombination von Perioden- und Alterseffekt. Bisher gibt es keine statistische Methode, die diese Effekte sauber trennen kann. Damit sind Studien, die mit Dummyvariablen arbeiten, statistisch gesehen nicht belastbar.

Und es ist daher auch nicht verwunderlich, dass wir mit so vielen verschiedenen, teils gegensätzlichen Aussagen zur Generation y konfrontiert werden und letztlich keine Metastudie zu signifikanten Ergebnissen kommt.

Was können wir tun? Wir betrachten ausschließlich Längsschnittstudien.Studien, die mehrere Kohorten gleichen Alters zu mehreren Zeitpunkten zu denselben Themen befragen.

Langzeitstudien können keine Generationenunterschiede nachweisen

Ich möchte nun nicht in einen wissenschaftlichen Monolog abdriften, Euch aber beispielhaft 2 recht neue Studien vorstellen, die sich genau mit dem Thema beschäftigen und uns daher sehr gut weiterhelfen

Schröder, Der Generationenmythos, 2018

  • Studie basiert auf dem Sozio-Ökonomischen Panel (SOEP), das rund 580.000 Beobachtung und 80.000 Individuen enthält
  • Untersucht wurden 18-25 jährige Jugendliche aus den Geburtskohorten von 1966 – 1991
  • Die Jugendlichen wurden jeweils befragt wie wichtig ihnen unterschiedliche Variablen sind wie u.a. Selbstverwirklichung, Erfolg im Beruf oder Ehe & Partnerschaft
  • These: Wenn es unterscheidbare Generationen gibt, müssten unterschiedlichen Kohorten unterscheidbare Einstellungen im Jugendalter aufweisen
  • Ergebnis: Dem ist nicht so. Es sind kaum Unterschiede in der Einstellung oder Lebenszielen erkennbar.
Langzeitstudie_Generationenunterschiede

Quelle: Schröder, 2018
Lesehilfe: Von denen im Jahr 1966 geborenen 18-25 jährigen Befragten haben 37% angegeben, dass ihnen Selbstverwirklichung sehr wichtig ist. Bei denen im Jahr 1991 geborenen waren es 35%.
(Achtung! Das abgebildete Jahr ist nicht das Befragungs- sondern Geburtsjahr)

 

Kalleberg, Marsden, Work Values in the United States: Age, Period and Generational Differences, 2019

  • Studie aus den USA, basiert auf dem General Social Survey + International Social Survey Program
  • Seit 1972 jährliche oder zweijährliche Untersuchung von >18 Jährigen auf bestimmte soziale Indikatoren
  • Fragestellung: Untersuchung inwiefern das Alter (Alterseffekt), der Zeitpunkt der Untersuchung (Periodeneffekt) und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation (Kohorteneffekt) Einstellungen in Bezug auf die Arbeit erklären können
  • Ergebnis: Für keine der untersuchten Variablen ist ein Kohorteneffekt statistisch erkennbar. Wenn Unterschiede vorliegen, sind diese durch Alters- oder Periodeneffekte entstanden.
Generationenunterschiede, Gen y_Studie Kalleberg, 2019

Quelle: Kalleberg, 2019
Lesehilfe: Alterseffekt dominant. Während 80% der jungen Arbeitnehmer im Alter von 18-25 Jahren weiterarbeiten würden, sollten sie so reich sein, dass sie es nicht mehr müssten, sind es im Alter von 60-65 Jahren nur rund 55%. Periodeneffekt erkennbar, aber deutlich geringer. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kohorte/ Generation hat so gut wie keinen Einfluss auf die Bedeutung von Arbeit – die Wahrscheinlichkeit weiterzuarbeiten liegt bei allen Kohorten bei rund 70%.

 

Fazit:

Es ist nicht allein die Generation y, die auf einmal völlig andere Vor- und Einstellungen hat und absurde Forderungen stellt. Änderungen, die sichtbar sind, basieren auf einem Einstellungswandel, der alle Generationen umfasst. Wünsche, die jeder hat.

Es sind aber die Jungen, die sie einfordern und leben. Die nach 4-Tage Woche, Sabbatical und flexiblen Arbeitszeiten fragen. Und das eben nicht erst mit Mitte 50 nach gemachter Karriere, sondern direkt von an Anbeginn an. Im Zweifel auch im ersten Vorstellungsgespräch.

Das ist ungewohnt und mag sich für manch Baby Boomer auch nicht richtig anfühlen. Schließlich musste man selbst auch die ein oder andere Kröte schlucken und vieles hart erarbeiten. Da liegt es nahe, von frechen, überzogenen Erwartungen zu sprechen. Aus meiner Sicht liegt darin jedoch eine großartige Chance.

Lasst uns die Forderungen für einen Moment als treibende Kraft und Impulsgeber zur Veränderung unserer Arbeitswelt sehen. Eine, die dazu führt, dass sich auf Dauer für alle etwas ändert. Mehr Selbstbestimmung, größere Flexibilität, größere Produktivität, wenn sich jeder mit seinen Kompetenzen voll einbringen kann.Dann fühlt sich das Ganze direkt schon ganz anders an, oder?

 

Autorin: Anna-Leena Haarkamp